Junger Mensch am Schreibtisch mit leerem Notizbuch, nachdenklich auf der Suche nach der eigenen Berufung

Berufung finden: Warum du nicht weißt, was du willst – und wie du es änderst

Selbstfindung in den 20ern und 30ern: Die meisten verfolgen unbewusst fremde Ziele

Die Suche nach der idealen Karriere endet erstaunlich oft in einer Sackgasse: Man erreicht ein mühsam verfolgtes Ziel und spürt am Ende nur Leere.

Der Grund dafür liegt tiefer, als die meisten vermuten. Häufig übernehmen wir unbewusst die Lebensentwürfe anderer, sei es durch den Drang nach Prestige, durch gesellschaftliche Erwartungen oder durch perfekt inszenierte Social-Media-Feeds. Wer nicht weiß, was er beruflich will, steckt selten in einem persönlichen Versagen, sondern in einem psychologischen Muster, das sich benennen und auflösen lässt.

Dieser Beitrag nimmt einige Modelle aus Psychologie, Soziologie und Philosophie auseinander, die zusammen erklären, warum Selbstfindung in den 20ern und 30ern so schwerfällt, und was konkret hilft, den eigenen Weg zu finden.

 


1) Zwischen 18 und Mitte 30: Identitätssuche als psychologischer Standard

Der Entwicklungspsychologe Jeffrey Arnett beschrieb im Jahr 2000 einen Lebensabschnitt, den er Emerging Adulthood nennt: die Jahre zwischen 18 und 25, deren Dynamik oft bis weit in die 30er hineinreicht. Arnett definiert diese Phase als eine Zeit intensiver Identitätssuche, geprägt von Instabilität, starkem Selbstfokus und einem permanenten Gefühl des Hin und Her.

Diese Unsicherheit gehört zum natürlichen menschlichen Entwicklungsprozess. Die Identitätssuche erstreckt sich laut Forschung über drei Hauptfelder: Liebe (Mit welcher Person möchte ich mein Leben verbringen?), Arbeit (Was ist meine Berufung?) und Weltanschauung (Wie ordne ich ein, was auf der Welt passiert?). Genau die Baustellen, die viele Menschen nachts wachhalten.

Dass in dieser Phase kaum etwas linear verläuft, zeigen die Arbeitsmarktdaten: In westlichen Industrienationen wechseln Menschen zwischen 20 und 29 Jahren im Schnitt sieben Mal den Job. Die gesellschaftliche Erwartung verlangt frühe Klarheit, doch die psychologische Realität sieht anders aus. Viele haben in dieser Zeit schlicht das Gefühl, komplett lost zu sein.

Dahinter steckt ein biologisches Ungleichgewicht im Kopf. Das emotionale Zentrum läuft seit der Pubertät auf Hochtouren und drängt nach neuen Erfahrungen, während der präfrontale Kortex, die Steuerungszentrale für Langzeitplanung, Risikoabwägung und Identität, bis weit in die Zwanziger eine Baustelle bleibt. Erst wenn diese Region um das 30. Lebensjahr herum vollständig verdrahtet ist, beruhigt sich das emotionale Hin und Her und langfristige Entscheidungen fallen spürbar leichter.

Zur Reflexion: Welche deiner Lebensbereiche fühlen sich gerade instabil an? Und akzeptierst du diese Instabilität als biologisch notwendigen Teil deiner Entwicklung, oder rebellierst du innerlich dagegen?

2) René Girard und die mimetische Falle

Warum neigen Menschen überhaupt so stark dazu, Lebensentwürfe unkritisch zu übernehmen? Der französische Denker René Girard liefert mit seiner Theorie des mimetischen Begehrens (mimetisch = nachahmend) eine fundamentale Erklärung: Menschen begehren Dinge primär, weil andere sie besitzen oder begehren.

Wünsche entstehen demnach selten im eigenen Inneren. Sie entstehen im Außen, bei einem Vorbild, und wandern von dort als Kopie in das eigene Bewusstsein. Girard formuliert es radikal: Zwischen dem Individuum und dem angestrebten Ziel steht fast immer eine dritte Person. Ein Modell, an dem sich der Mensch unbewusst orientiert.

Die moderne Verhaltensforschung stützt diese Beobachtung durch Studien zu Imitationsverhalten und Spiegelneuronen. Schon Kleinkinder übernehmen die Vorlieben für Essen oder Spielzeug, die sie bei Erwachsenen beobachten. Im Erwachsenenalter wird dieses Verhalten lediglich subtiler.

Wie dieser mimetische Sog im Alltag aussieht, zeigt sich an drei typischen Beispielen:

Zuerst die klassische Karriere-Falle. Viele jagen extrem harten Jobs im Investmentbanking oder in der Unternehmensberatung hinterher, nicht weil sie für 80-Stunden-Wochen und Excel-Tabellen brennen, sondern weil sie den Status und die Souveränität dieser Berufe kopieren wollen.

Wer sich eher in der Online-Welt bewegt, tappt in die nächste Falle: den Hype um die Freiheit als Content Creator. Man imitiert die schicke Ästhetik, das digitale Nomadentum und den Traum der Selbstbestimmung, übersieht dabei aber den täglichen Druck, die Existenzangst und die Abhängigkeit von Algorithmen.

Und selbst im Privatleben greift der Mechanismus. Sobald im Freundeskreis die Ersten anfangen, Häuser im Grünen zu bauen oder zu heiraten, schießt dieses Lebensmodell auf der eigenen Wunschliste plötzlich nach oben. Oft entspringt das nicht dem eigenen Inneren, sondern der unbewussten Angst, den Anschluss zu verpassen.

In allen drei Fällen passiert derselbe Fehler: Wir verwechseln den Wunsch, eine bestimmte Person zu sein (cool, erfolgreich, abgesichert), mit dem Wunsch, deren tatsächliche Arbeit im Alltag zu machen.

Lass den Gedanken kurz wirken: Machst du das, was du heute machst, weil du es von dir aus wolltest? Oder weil du irgendwo übernommen hast, dass du es machen solltest, um bestimmte Vorteile daraus zu ziehen?

3) Exploration vs. Festlegung: Wie wir unsere Identität wirklich bauen

Um Ordnung in das Chaos der Wunschbildung zu bringen, hilft das Identitätsmodell des Psychologen James Marcia. Er teilt die menschliche Orientierung anhand von zwei Achsen ein: dem Grad des Ausprobierens (Exploration) und dem Grad der Verbindlichkeit (Festlegung). Daraus ergeben sich vier Quadranten der Identität.

Identitätsdiffusion

Niedrige Exploration, niedrige Festlegung. Es gibt keinen klaren Kurs und kein aktives Bestreben, einen zu finden. Man lebt im Hier und Jetzt, schiebt Lebensentscheidungen auf und vermeidet Verbindlichkeiten.

Übernommene Identität (Foreclosure)

Niedrige Exploration, hohe Festlegung. Werte, Berufsziele und Lebensentwürfe werden ungeprüft von den Eltern, der Kultur oder der Peer-Group übernommen. Man macht etwas, weil andere es machen.

Moratorium

Hohe Exploration, niedrige Festlegung. Dies ist die aktive Suchphase. Verschiedene Jobs werden getestet, Projekte gewechselt, Lebensstile ausprobiert. Es herrscht produktive Instabilität, die anstrengendste, aber wertvollste Phase.

Erarbeitete Identität (Identity Achievement)

Hohe Exploration, hohe Festlegung. Nach einer intensiven Phase des Hinterfragens und Ausprobierens wurden eigene Werte definiert. Die getroffenen Lebensentscheidungen fühlen sich stimmig und selbst gewählt an.

Diese vier Quadranten machen das Problem des mimetischen Begehrens sichtbar. Wer unkritisch die Wünsche anderer kopiert, landet direkt in der übernommenen Identität. Der Ausweg erfordert den Mut, ins Moratorium zu wechseln, also mit alten Mustern zu brechen und die Exploration hochzufahren. Nur wer aktiv ausprobiert, schafft die Basis für Entscheidungen, die sich am Ende wirklich selbst gewählt anfühlen.

Ein ehrlicher Blick auf deinen aktuellen Zustand: In welchem dieser vier Quadranten bewegst du dich gerade?

4) Die inszenierte Persona: Warum wir im Alltag alle Schauspieler sind

Das Tückische am mimetischen Begehren ist, dass wir nicht einmal authentischen Persönlichkeiten nachjagen, sondern inszenierten Fassaden, die andere gezielt aufgebaut haben.

Der Soziologe Erving Goffman beschreibt dieses Phänomen in seinem Werk The Presentation of Self in Everyday Life. Aus seiner dramaturgischen Perspektive agieren Menschen in sozialen Interaktionen wie Schauspieler auf einer Bühne. Er unterscheidet zwei Bereiche.

Die Vorderbühne ist der Ort, an dem vor Publikum eine Performance abgeliefert wird, die den sozialen Erwartungen entspricht. Hier zeigt man sich kompetent, erfolgreich und glücklich. Das ist die Fassade. Die Hinterbühne ist der Ort, an dem die Maske abgelegt und die Rolle verlassen wird, wo man sich entspannen kann, mit allen Zweifeln und Fehlern. Das ist die Realität.

Das Problem im Alltag: Bei fast allen Mitmenschen sitzen wir ausschließlich als Zuschauer vor deren Vorderbühne. Uns begegnet nur die perfekt inszenierte Persona, bei der alles reibungslos funktioniert. Und das führt zum Wunsch, deren Fassade zu kopieren.

Dieser ungesunde Kopiervorgang läuft in drei Schritten ab.

Zuerst die Isolierung des Ergebnisses. Wir sehen das Endprodukt: den prestigeträchtigen Jobtitel, das scheinbar mühelose Zeitmanagement, den makellosen Lifestyle. Was wir nicht sehen, ist der Preis dafür: die schlaflosen Nächte, die Beziehungsopfer, die innere Leere auf der Hinterbühne.

Dann die emotionale Verknüpfung. Wir projizieren Gefühle in die Fassade. Das Gehirn schlussfolgert: Wenn diese Person so erfolgreich und souverän wirkt, muss sie sich innerlich großartig und erfüllt fühlen. Wir begehren also gar nicht den Job oder den Status an sich, sondern den vermuteten emotionalen Zustand dahinter.

Zuletzt die Übernahme des Drehbuchs. Um diesen Zustand zu erreichen, übernehmen wir das Verhalten der Vorderbühne eins zu eins. Wir kleiden uns so, sprechen so, wählen dieselben Studienfächer oder Karrierepfade und versuchen, die gleiche unnahbare Professionalität auszustrahlen.

Das schmerzhafte Erwachen folgt spätestens beim Erreichen des Ziels, wenn sich zeigt, dass der kopierte Status im Inneren nur Leere hinterlässt. Die eigene, unaufgeräumte Hinterbühne lässt sich nicht durch eine noch glattere Vorderbühne kurieren. Wahre Erfüllung entsteht erst, wenn wir aufhören, die Vorgaben anderer zu kopieren, und anfangen, unsere eigenen Werte zu erforschen.

Frage an dich: In welchen Momenten ertappst du dich dabei, das Making-of deines Lebens mit dem Best-of-Zusammenschnitt eines anderen zu vergleichen?

5) Die Risiko-Versicherung: Warum fremde Wünsche die meiste Sicherheit bieten

Warum wird fremdes Begehren überhaupt so bereitwillig übernommen? Die ehrlichste Antwort lautet: aus Angst vor individueller Verantwortung.

Einen ganz eigenen Wunsch zu verfolgen bedeutet volles Risiko. Im Falle eines Scheiterns steht man allein da. Ein konventioneller, vom Umfeld bewunderter Weg bietet hingegen psychologischen Schutz. Geht dieser Pfad schief, dann lag die breite Masse falsch. Ein geliehener Wunsch verteilt das Risiko des Versagens auf die Allgemeinheit. Ich konnte nichts dafür, die anderen waren schuld, und schon tritt durch die plausible Rechtfertigung ein Gefühl der Erleichterung auf, weil der soziale Druck rausgenommen wird.

Dieser Schutzmechanismus fordert jedoch einen hohen Preis. Wer die Ziele anderer kopiert, macht sich dauerhaft von deren Anerkennung abhängig. Da die Motivation nicht aus dem eigenen Inneren kommt, fehlt ein eingebauter Kompass. Die Folge ist ein permanenter Vergleich mit dem Umfeld: Man muss ständig links und rechts überprüfen, ob der gewählte Pfad von der Masse noch als richtig angesehen wird.

Aus der kurzen Erleichterung, keine eigene Verantwortung zu tragen, wird so ein psychischer Dauerstress. Weil man den Maßstab für das eigene Glück komplett nach außen verlagert hat, führt jeder Erfolg der anderen unweigerlich zu Selbstzweifeln, chronischer Unzufriedenheit und Neid.

Zur Selbstreflexion: Willst du deinen aktuellen Lebens- und Karriereweg wirklich selbst? Oder gehst du ihn nur, weil er sich sicher anfühlt und du nicht weißt, was sonst aus dir werden würde?

6) Die Ikigai-Schnittstelle: Wie psychologische Echtheit auf wirtschaftliche Realität trifft

Bei der Suche nach dem eigenen Weg lauert eine oft übersehene Gefahr: die reine Innenschau nach dem Motto Follow your passion. Ausschließlich zu fragen, was man sich selbst wünscht, greift zu kurz. Berufliche Selbstfindung erfordert zwingend den Blick auf die ökonomische Realität.

Hier bietet das japanische Konzept des Ikigai einen Orientierungsrahmen. Es besagt, dass Erfüllung erst dort entsteht, wo vier Dimensionen harmonieren:

  1. Was man liebt: die eigenen Leidenschaften und Tätigkeiten, bei denen die Aufmerksamkeit ganz natürlich gebunden bleibt.
  2. Worin man gut ist: die individuellen Talente, erlernten Fähigkeiten und Stärken, die man überdurchschnittlich gut beherrscht.
  3. Was die Welt braucht: ein realer Bedarf in der Gesellschaft oder am Markt, ein Problem, das nach einer Lösung verlangt.
  4. Womit Geld verdient werden kann: die wirtschaftliche Tragfähigkeit, also die Bereitschaft des Marktes, für diese Lösung zu zahlen.

Ein Wunsch ohne Marktbedarf bleibt ein reines Hobby. Erst die reale Nachfrage verwandelt eine persönliche Leidenschaft in eine berufliche Existenz.

Bevor diese äußeren Dimensionen greifen, muss jedoch die innere Antriebsstruktur geklärt sein. Hier hilft das Konzept der Selbstkonkordanz von Kennon Sheldon und Andrew Elliot. Es misst, wie eng Ziele mit den inneren Werten einer Person übereinstimmen, und unterscheidet vier Ebenen des Antriebs:

  • Externale Motivation: Das Ziel wird ausschließlich wegen der Erwartungen anderer oder wegen einer äußeren Belohnung verfolgt.
  • Introjizierte Motivation: Der Antrieb entspringt dem Versuch, Schuldgefühle, Angst oder Beschämung zu vermeiden. Das Pflichtgefühl ist verinnerlicht, bleibt aber fremdbestimmt.
  • Identifizierte Motivation: Das Ziel wird als sinnvoll und wichtig für die persönliche Entwicklung erachtet, unabhängig von den akuten Mühen des Weges.
  • Intrinsische Motivation: Die Tätigkeit erfolgt um ihrer selbst willen, weil sie tiefe Freude bereitet und fasziniert.

Wahre berufliche Klarheit entsteht im Schnittpunkt beider Modelle. Die vier Ebenen der Selbstkonkordanz sichern die innere Authentizität: Nur wer sich im autonomen Bereich bewegt (identifiziert und intrinsisch), bringt die nötige Ausdauer für langfristigen Erfolg auf. Das Ikigai erdet diese innere Wahrheit in der ökonomischen Realität. Erst wenn der ehrliche, autonome Antrieb ein echtes Bedürfnis des Marktes bedient, verwandelt sich ein persönlicher Wunsch in ein tragfähiges Lebensmodell.

Eine Frage, bei der viele früher oder später landen: Bist du bereit, diese eine große Stärke von dir, die finanziell nicht rentabel ist, als Hobby zu belassen und dich auf andere Möglichkeiten zu konzentrieren?

7) Raus aus der Komfortzone, rein in dich selbst

Wer nur denkt und nicht handelt, blockiert sich mit dem eigenen Kopf. Wenn du dich selbst finden willst, musst du den Fokus vom ewigen Nachdenken (Was ist das Richtige für mich?) auf das Handeln verlagern (Was davon gehe ich jetzt auf Risiko konkret an, auch wenn es mir am Ende gar nicht gefällt?). Vier Filter helfen dir bei der Umsetzung.

1. Der Vorbild-Realitycheck

Analysiere dein größtes Karriereziel. Woher stammt diese Idee? Willst du die tägliche, ungeschönte Arbeit jener Personen, die in diesem Bereich arbeiten, inklusive ihrer Hinterbühne? Oder nur das Prestige an der Front? Versetz dich so gut du kannst in einen realen Arbeitstag hinein und spür rein, ob dir gefällt, was du dabei fühlst.

2. Digitale Neid-Quellen kappen

Wenn Profile auf LinkedIn oder Instagram Neid und Selbstzweifel auslösen, deabonniere sie konsequent. Es ist unmöglich, sich selbst zu finden, wenn man ständig von den Fassaden anderer geblendet wird.

3. Die Ziel-Bereinigung

Schreibe deine drei wichtigsten Ziele auf. Sobald ein Ziel nur existiert, um fremden Druck zu bedienen, und keinen echten Wert für den Markt liefert: entweder ganz streichen oder als Hobby belassen.

4. Praxiserfahrung statt Overthinking

Identität entsteht durch reale Erfahrungen auf dem Markt. Das Selbstbild klärt sich nicht beim Grübeln am Schreibtisch, sondern beim aktiven Austesten von Projekten, Rollen und dem damit verbundenen Risiko. Wer den perfekten Weg aus einem inneren Kontrollbedürfnis heraus vordefinieren möchte, bevor er ihn geht, verschleppt seine Selbstfindung durch diesen Perfektionismus nur weiter in die Zukunft.


Wie ich selbst meine Berufung gefunden habe

Viele wissen es nicht, aber eigentlich wollte ich ursprünglich Rockstar werden. Ernsthaft. Eines meiner größten Talente ist und bleibt die Musik. Ich spiele Klavier, Schlagzeug, Bass und Gitarre und bin darin ein solider Allrounder. Aufgewachsen mit dem 2000er-Jahre Pop-Punk (Sum 41, Blink-182, Yellowcard, Simple Plan, Good Charlotte) und dem American-Pie-Vibe wollte ich immer nach Kalifornien und mit meiner eigenen Band um die Welt touren. Ich habe eigene Songs geschrieben und produziert, war in diversen Bands und habe zu Schulzeiten einige Auftritte gespielt.

Zwischenzeitlich dachte ich sogar an eine nebenberufliche Karriere als eSportler, weil ich von einem eSports-Team angefragt wurde. Ich spiele seit über 25 Jahren das Nintendo Fighting Game Super Smash Bros, hatte eine Zeit lang den besten Captain Falcon in Österreich und war unter meinem Gamertag Impact zwei Jahre lang in den Top 15 österreichweit.

Bis ich dann aus Vernunft heraus Rechtswissenschaften studiert habe und dort mit eisernem Fleiß zum Top-Absolventen wurde: Einserschnitt, Auszeichnungen, Leistungsstipendien, Publikation, Mindestzeit, Praktika und hochkarätige Jobanfragen inklusive.

Nur um dann alles hinzuschmeißen und, entgegen aller Erwartungen meines Umfelds, von null weg Trainer, Coach, Lebens- und Sozialberater, Unternehmensberater, Mediator, Supervisor und Content Creator zu werden. Oder wie ich es abkürze: Lern- und Lifecoach. Und erst in Letzterem habe ich meine wahre Erfüllung und Berufung gefunden.

Die Musik und das Gaming sind heute zwei meiner größten Hobbys. Dort haben sie den optimalen Platz gefunden, denn das waren keine wirtschaftlich rentablen Karrierepfade. Ich will nicht ständig im Tourbus sitzen, von einem Land zum nächsten pendeln, immer wieder dasselbe Set runterspulen und jedes Wochenende mit meinen Kindern verpassen, nur um Musik zu machen. Und ich will als erwachsener Mann mit Familie auch nicht ein Jahrzehnt lang acht Stunden täglich zocken, nur um dann von einem 14-jährigen Ausnahmetalent zerschmettert zu werden, das 16 Stunden am Tag spielt und durch sein junges Alter von Natur aus eine bessere Reaktionszeit hat.

Ein Leben als Jurist hätte mich nicht glücklich gemacht. Ich hatte immer das Gefühl, dass viele in dieser Branche fachlich, monoton, kontrolliert und autoritär unterwegs sind. Natürlich nicht alle, aber für meinen Geschmack zu viele. Ich bin im Kontrast dazu heißblütig, locker, voller Spaß, ständig am Blödeln, komplett offen. Jemanden zu siezen, der keine grauen Haare hat, finde ich unnatürlich. Krawatten zu tragen, um professionell zu wirken, finde ich unkomfortabel. Und von Gesetzen, Judikatur und Literatur gesteuert zu werden, nimmt einem einen beträchtlichen Teil der Selbstbestimmung. Ich habe erst spät realisiert: Juristen leben in vorgefertigten Käfigen und versuchen diese jeden Tag zu ihren Gunsten zu dehnen.

Als Coach und Content Creator bin ich frei in meinem Handeln. Ich teile meine Gedanken nach Lust und Laune und folge dem Pfad, der sich für mich stimmig anfühlt. Ich helfe Leuten dabei, ihre Ziele zu erreichen, kann das aus meinem Homeoffice heraus machen und lege mir alle Termine so, wie es sich mit meinem familiären Alltag vereinbaren lässt. Die Erfolge meiner über 1500 Coachees geben mir Sinn und machen mich glücklich, vor allem aber erleichtern sie die Leben meiner Klienten nachhaltig. Und ich kann das tun, was ich mein ganzes Leben lang schon am besten kann: lernen, wie man zwischenmenschliche Probleme löst.

All das hat Exploration erfordert. Risiken und Rückschläge. Ich habe meinen Weg erst gefunden, als ich alles andere der Reihe nach ausgeschlossen habe. Dafür war ein jahrelanger Umweg nötig. Aber manchmal ist das eben die Eintrittskarte zum Glück. Du bist zu jedem Zeitpunkt in deinem Leben nur eine einzige Entscheidung davon entfernt, ein komplett anderes, vielleicht glücklicheres Leben zu führen. Wie schade wäre es, wenn du die beste Alternative nie herausfindest, weil du dich viel zu früh aus Angst mit der zweitbesten abgefunden hast. Du hast nur ein Leben.


Fazit: Erst reinschauen, dann rausgehen

Deine wahre Berufung findest du im Inneren. Den Beruf, der dazu passt, im Außen. Die Reihenfolge ist klar: erst Exploration, dann Festlegung. Wer die genannten Modelle einmal verstanden hat, erkennt die eigenen kopierten Wünsche und kann anfangen, sie durch selbst gewählte zu ersetzen.

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